Mittwoch, 13. Dezember 2006

...

4) Man hat ihr ein altes Nudelsieb auf den Kopf gedrückt, und eine Waffe (eine funktionstüchtige, geladene Waffe?) in die Hand, und man hat sie mit viel Pathos und eindringlicher Ermahnung zur Tapferkeit in den Kampf geschickt. Aber daran sollte es nicht gelegen haben; sie hat schon begriffen, worum es geht, und dass man leider, und sei es unter Invokation aller denkbaren moralischer Konflikte, kämpfen wird müssen; und sie wäre auch bereit dazu, und durchaus auch kräftig und vernunftbegabt (ist das denn hilfreich? es ist jedenfalls besser als das Gegenteil, möchte man meinen), aber man hat ihr nicht gesagt, wie der Kampf zu führen sei, und es gibt auch keine Armee, die sie umgibt, und gottlob keine Heeresleitung.
Und so ist sie auf das Gutdünken zurückgeworfen, und macht im höheren Sinne Fehler, die ihr zum Verhängnis werden können; aber ob sie nun fahrt oder bleibt: ihre aussichten sind schlecht, und wir möchten nicht hoch wetten, dass sie davonkommt. ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die frage offen.

Toujours mots, et jamais repos.

I. Schlechte Zeiten für die Kunst. Ich steh mit 1 Schriftbild (A3) in der -Bahn, 1 schwarzplastikbejackter Rücken knittert sich an mich, klebrige Finger schmieren sich in meine Wasserfarben ... bin, wie alle, überlaufen, überschätzt (ich wollte sagen: überschwitzt) ... heut schon 3 Glas zerschmettert, so eine unstete Hand. Zur Freude ein Zitat (in meinem Rucksack bröckelt Schokolade unterm Massendruck jenseits des Gasdruckwiderstands, welcher die Stabilität der Moleküle aufrechterhält), Zitat: Bygmeester Finnegan, of the Stuttering Hand ... Erse Solid Man (der Große Starke Ire mit der Zitterhand, der doch gefallen ist, zuerst wallstrait, dann koex! koex! koex! und kaputt.) Ein Anfang für unsere Geschichte, sie beginnt in einer Unbequemlichkeit (U-Bahn ist voll, das Schriftbild dreckig von Zitaten, fremder Schmutz) und löst sich, wenn's ein Bildungsroman sein soll, spätestens Ende November in ein Wohlgefallen auf. Aber hier in der Oktoberbahn wird eindeutig zuviel geredet, toujours mots ...

II. Dieses Vorbeigeprassel immer, dieses Durchgetunnele! Wieviele meiner Geschichten entstehen in Zügen, durch die Landschaft geschossen und dadurch 1 bisschen von der Welt gelöst, die vielzuschnell vorbeigeistert, um mich noch angreifen zu können ... fass mich an ... auch wenn die Welt grad ein Gewitter ist, das wie ein Amboss auf den Türmen von St. Pölten und Amstetten balanciert, ein Regentunnel ... fast 1 Bachmann-Witz, wie sich das weiße Blatt Paier vom Triebwagen gezogen in den Semmeringtunnel quetscht, um dicht beschrieben und zerknittert wieder rauszukommen, weil ein Tunnel ist immer ein guter Anfang ("Der Fall Franza", Franzas Fall, zitternde Hand). Aber ... wenn wir jetzt immer nur im Tunnel bleiben? Immer nur im pränatalen Zustand ... Texte, welche nie die Sonne sehn und ihre scharfen Schatten ... ein Wust ohne Unterscheidungen (und also drei Punkte statt einem, eine Dreiuneinigkeit) ... Wieder ein Grund (das nebenbei) warum erfüllte Liebe selten gute Texte zeugt: Too misty. (Gesungen --:-- ) Would I wander through this wonderland alone, / never knowing my right foot from my left, my hand from my glove; / I'm too misty, and so much in love --:-- die Unterscheidungen gehen verloren, meins/deins, innen/außen; die trennende Wasser-Haut, wie sie Bachmannst Undinen haben, diese Unerreichbaren, eignet uns armen Menschen (wretched mortals) nicht ...

III. Ich habe Haare im Mund, meine eigenen, wassergetränkt. Bin aus der Stiege aufgetaucht und sehe 1 Abwesenheit --:-- der Vogel, dem ich da die letzten Tage beim Verfaulen zusah, ist verschwunden. ( ... wer nimmt 1 toten Vogel mit? Kultisten? Aber meine alte chaosmagische Erfindung, das "Prinzip der Überreste des Toten Vogels" ... irgendwann vor Jahren ausgedacht ... hat, sagt man mir, noch in der Schweiz 1 paar Anhänger, meine erste Sekte quasi, aber ... nee, auch die verwenden nur Gebeine von gekochten Hühnern, während sie aus den Principii Cadaverorum rezitieren ... keine echten Straßenleichen ...) ... nee wenn's nur das wär, Religion und Kult ... 1 Spaß ... aber es ist Ordnung, reine Ordnung (Ordnung ist 1 leerer Pappkarton, das wissen wir) ... Ordnung --:-- solang der Vogel fliegt, ist er willkommen, aber wenn er mal fertig ist und liegenbleibt, dann muss er weg. Geht ja nicht, einfach fertigsein und dableiben. Wir wollen Flüchtige, Unvollständige, ständig im Fortschreiten Begriffene ... Schreit fort! ... die U-Bahn-Ordnungskräfte scheuchen mich von meiner Bank: Das hier ist nicht zum Bleiben da! ... was bleibt?

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