Es ist evolutionär und somit menschlichem Verhalten zu Folge klar, dass die, die in der U-Bahn drin sind (Ausnahme vielleicht Sandler und total Geistesabwesende) wieder aus ihr raus wollen und solche, die am Bahngleis warten, in sie hinein wollen. Was mir, abseits dessen, dass es ja auch die U-Bahnfahrer selbst predigen man solle die Leute zuerst in Ruhe aussteigen lassen, damit das Ganze möglichst reibungslos verläuft, ein wenig schleierhaft ist, ist folgende Dümmlichkeit nach dem „Doppelt hält besser“ – Prinzip: Die U6 fährt in die Station Alserstraße ein. Aha, sie ist total überfüllt. Viele Menschen werden also gleich aussteigen. Man wird gerne ein wenig warten und dass man einen Sitzplatz bekommt ist eher unwahrscheinlich und mit ein bisschen Nachdenken müsste man auch begriffen haben, dass man nun eigentlich nichts mehr zu tun hat als sich (hat man die Muße dazu) strategisch günstig (also irgendwo) am Bahngleis zu positionieren. Jedoch: die Totalhektischen! Was machen die? Obwohl die Türen 1.) sowieso automatisch aufgehen und 2.) der Türknopf von einem „ich will raus“ Menschen längst zusätzlich selbsttätig gedrückt ist, drückt eine von außen trotzdem 3 x auf den nicht mal aufleuchtenden Knopf! DIE TÜR GEHT DANN TROTZDEM NICHT GSCHWINDER AUF! GANZ IM GEGENTEIL! Solche Totalhektischen, von ihrem günstigen „Ich bin gleich als Erste drin!“ – Trumpf völlig Überraschten wissen mit der Zeit am Bahngleis zwischen „stehen bleiben und noch 4 Sekunden Geduld haben“ anscheinend nicht wohin mit ihrer überschüssigen Energie. Oder sie sind einfach zu blöd und sollten U-Bahn-Verbot bekommen – riskieren sie bei ihrem unaufhörlichen Gedrücke, das null bringt und dazu Hand in Hand gehendem dämlich Dreingeschaue schließlich nicht nur ein neues „Türstörung“ – Pickerl, sondern schon wieder so eine Situation, die ja bekanntlich erst recht dazu beiträgt blanke Massenpanik auszulösen.
ubahntexte - 28. Nov, 16:21
Jakob Köpf hat ein Fußleiden. Links oben. Den Fußknöchel mit Kaffee verbrüht.
Schottenring: Die nächste U-Bahn fährt in 3 Minuten ein und dank der neuen Zeitangabe auf der Anzeigentafel weiß man, dass die übernächste in 6 Minuten einfahren wird und wenn man die erste nicht nehmen will man noch Tee aus der Thermoskanne trinken oder ein paar Fotos schießen oder eine rauchen oder Leute schauen kann. Einer trägt eine Brille, ein anderer trägt keine. Einer muss gerade eben beim Friseur gewesen sein. So wie Jakob, der mir erzählt hat wie ungern er eigentlich zum Friseur geht und dass der Friseur ihn da gut verstehe, denn der habe genickt und gesagt ja, das sei so wie er nicht immer so gerne zum Zahnarzt.
Jakob mag Ute Bock nicht, hat er mir erzählt, dass er das heute bei der Bücherbörse jemandem erzählt habe und die Leute, die auch noch dort waren , circa zwei, ganz böse geschaut hätten, woraufhin sein Kollege Heinz, der zwar Schokolade mag, aber keine mehr darf, sagen konnte „Ich aber schon. Ich mag die Ute Bock. Sehr.“
Im Costa del Sol Tourismus Zelt gibt’s ab morgen Flamencotänzer zu sehen.
Nächsten Donnerstag gibt’s einen Vortrag über „Das Hervortreten des Weltlehrers für das Wassermannzeitalter“ zu hören.
Jakob Köpf liest Fjodor Michailowitsch Dostojewski. „Der Idiot“. Und steigt in die U-Bahn. „Zuuuug fährt ab.“
Roßauer Lände: picasso im schlafrock, khm und schau mich an, the rebirth of art, das neue opernhaus, a_schau, am grossen bahnhof wien und die weite welt. Viennale ist auch. Vom Kunsthalle Plakat in der Station sagt Raymond Pettibon whatever it is you’re looking for you won’t find it here runter.
Dieses herausragende Kleinod U-Bahnstation bietet neben einem komfortablen Ausstieg darüber hinaus auch: Betriebskammer, Müllraum, Aussicht auf die Donau und deren Kanal, Toiletten und 2 x Lift und wenn man Glück hat kann man vielleicht auch einen Donaudampfer vorbei schippern sehen – oder – ein paar Stationen weiter – Schwedenplatz dann – nach Wienislava oder Bratiswien – der neue „City Liner“ Wien – Bratislava – Bratislava – Wien.
Aber wozu reisen fragt sich Jakob eben mal neben einer von Berufswegen Österreich-die neue Tageszeitung – Leserin.
Und während er so sonnenversunken in seinen Seiten blättert und sie anschaut hat er plötzlich diese Melodie im Ohr, die ihn sein Fußleiden fast ein wenig vergessen macht: du bist die linie, die sich durch mein leben zieht, merci, dass es dich gibt und beißt in sein Radio Wien Weckerl.
ubahntexte - 28. Nov, 16:21
FRIEDENSBRÜCKE
Der Mann hat bei Lichte betrachtet nicht viel mit einem Seiltänzer gemein, und so betrachten wir ihn auch: bei Lichte, die Sonne ist ein lichtschwache Scheibe hinter ihm. Wäre nicht Herbst, man würde den Notdienst verständigen und einen Defekt des Himmelskörpers vermelden, so betrachtet man nur den Menschen, der dort oben steht und begonnen hat, Balancebewegungen zu machen, so als stünde er auf einem Balken.
Er erregt die Aufmerksamkeit des Publikums. Hälse recken sich, Augenbrauen in die Stirn geschoben und kleine Kinder wollen hochgehoben werden. Man könnte sagen, die Unterhaltung der Fahrgäste ist gewährleistet. Irgendwann, in absehbarer Zeit, wird sich jemand am Funkkasten der Station zu schaffen machen wegen der außergewöhnlichen Situation, und er wird die vierzehn Spinnen vertreiben, die dort sitzen und deren Anwesenheit uns bisher sagte: hier geschieht nicht viel.
Was drängt, neben dem gespielten Balanceakt, den Vergleich mit einem Seiltänzer auf? Nun, der Mann war gesichert, mit Klettergurt und Achterknoten und wie es sich gehört, aber er hat sich abgebunden, und ist an den Rand des Dachs getreten. Er hat damit die Befürchtungen geweckt, die uns beschäftigen.
Würde es etwas erklären, zu erzählen, was vor ihm liegt? Möglicherweise nicht, und überdies wissen wir davon nichts. Ebensowenig wie von den Umständen, die ihn hierher, auf das Dach der Station Friedensbrücke geführt haben. Er blickt zwar hie und da auf die Geleise vor ihm hinab, aber es scheint nicht so, als würde er mit dem Auge Maß nehmen, vielmehr glauben wir zu wissen, dass der metallische Glanz der Schienen den BLick unwillkürlich auf sich ziehe. Abgesehen davon ist unserer Vorstellung eine Grenze gesetzt, die uns von ihm in gleicher Weise abschneidet wie das Dach, auf dem er steht. In dieser Unzugänglichkeit von Vergangenheit und Zukunft bleibt uns vorderhand nicht mehr, als zu mutmaßen, was er im Moment denkt, über den Geleisen, und da uns die Situation nicht genügend Hinweise in die Hand gibt, um zu einem zwingenden Schluß zu gelangen, so können wir nur unsere Vermutungen nebeneinander stellen.
1) Der Verkehr ebbt hier nicht ab, hier läuft er schon gleichmässig. Die Autos und auch die die U-Bahnen laufen am Ufer entlang wie Pferde auf der Suche nach einer Furt. Oben, bei der Ampel, hört man noch das Stocken in den Ampelphasen, die Ruhe im Sturm; von hier aus sieht man hinunter bis ... . Es ist, wenn man es so bedenkt, nett, hier zu stehen. Wer hat mir erzählt, dass dieses Wetter häßlich sei? Ich hätte mir ein Gedicht gewünscht, das auf diesen Moment paßt... aber es schien keines zu geben. Die Tragfähigkeit der Lyrik is begrenzt; weil die Entsprechung von jetzt müßte in der Indifferenz beginnen, und
2) Wenn ich gelebt hätte, Menuck,-- dann hätte ich erleben wollen, wie ich mich entfalte in deinem Schatten, und wie ich schließlich deine Maßstäbe erreiche und mich selber als ebenbürtig zu begreifen beginne. Wie man sich langsam fragen müßte, ob ich gut bin oder böse, dann hätte man von meiner Tapferkeit erzählen müssen, von den eingerissenen Zelten, von den Zapfen, die von den großen, gefiederten Tannen gefallen sind, vom Nachthimmel, der mir keine Angst macht, und vom Polarstern, der nicht gefressen wird. Dann gäbe es Bilder, die nicht gestohlen sind. Denn wenn ich gelebt hätte, Menuck, dann gäbe es Geschichten, an deren Ende man anderes sagen könnte als: ich bin noch einmal davongekommen.
3) Hannah Arendt und Martin Heidegger sitzen beim Abendessen. Es gab ein raffinierten italienisches Gericht mit schwer auszusprechendem Namen, auch das Dessert und die zweite Flasche Wein wurde schon serviert. Martin Heidegger beugt sich über den Tisch, um mit nicht mehr ganz sicherer Hand Hannah Arendt nachzuschenken. Dann stellt er die Flasche auf den Tisch zurück, und beginnt, mit einer zärtlichen Geste, sein Vis-a-vis am Kinn zu kraulen. Er nennt sie dabei "Mein Trüffelchen", oder, was eher seiner Provenienz gerecht wird, "Trüffele". Hannah Arendt scheint das zu gefallen. Sie gurrt verspielt, und nennt ihn zärtlich "Waldsaudi".
4) ...
ubahntexte - 28. Nov, 05:01